Meschede kann mehr

Neue Wege in der Bildungspolitik: Schulministerin zu Gast in Meschede

Das Podium (v.l.): Gisela Bartsch (Stadt Meschede), Schulministerin Sylvia Löhrmann, Dr. Karsten Rudolph (HSK-SPD), Dr. Ernst Rösner (IFS Dortmund) und Marlies Stotz (SPD-Landtagsfraktion).

Das Podium (v.l.): Gisela Bartsch (Stadt Meschede), Schulministerin Sylvia Löhrmann, Dr. Karsten Rudolph (HSK-SPD), Dr. Ernst Rösner (IFS Dortmund) und Marlies Stotz (SPD-Landtagsfraktion).

Das Thema „Schule der Zukunft im ländlichen Raum“ stieß am Freitagabend im Mescheder Kreishaus auf reges Interesse. Rund 140 Besucher kamen zu der Veranstaltung mit Schulministerin Sylvia Löhrmann, zu der Mescheder SPD und Grüne gemeinsam eingeladen hatten. Die SPD-Landtagsabgeordnete Marlies Stotz, der Schulexperte Dr. Ernst Rösner und Gisela Bartsch von der Mescheder Stadtverwaltung komplettierten die Expertenrunde am Podium.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das längere gemeinsame Lernen. Einem Thema, bei dem der Hochsauerlandkreis noch erheblichen Nachholbedarf hat. Denn landesweit verfügen neben dem HSK lediglich die Kreise Olpe und Höxter über keine einzige Gesamtschule.

Bereits zu Beginn machte die Schulministerin den Weg rot-grüner Bildungspolitik klar: Man schaffe Rahmenbedingungen und unterstütze, aber es werde nicht von oben nach unten diktiert. Kommunen und Schulen entscheiden gemeinsam, welche konkreten Bedürfnisse sie vor Ort haben und welche Bildungsangebote sie umsetzen möchten. Sylvia Löhrmann betonte, dass man nur so die Chance habe, ideologische Konflikte beizulegen und überzeugende Konzepte für ein breites, wohnortnahes Bildungsangebot zu entwickeln.

Elternwille statt Ideologie

In diesem Zusammenhang kritisierten die Ministerin und die SPD-Landtagsabgeordnete Marlies Stotz ausdrücklich die Politik der schwarz-gelben Vorgängerregierung: Es gehe nicht darum, den Menschen aus ideologischen Gründen eine bestimmte Schulform vorzuschreiben. Wer dabei – wie die Bundeskanzlerin bei ihrem Besuch in Meschede – gegen eine „Einheitsschule“ wettere, wolle lediglich einen Kampfbegriff schaffen, aber sich nicht ernsthaft mit Thema Schule und Bildung auseinandersetzen. Eine Auffassung, die Dr. Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund nur begrüßen konnte: Beim Thema Bildung sollten Politiker – auch vor Ort – genau zuhören, welchen Bedarf es bei Eltern und Schülern gibt und deren Willen dann gemeinsam umsetzen.

Gemeinsames Lernen schafft Erfolge

Dass es einen Bedarf für Gesamt- und Gemeinschaftsschulen gibt, zeigte Marlies Stotz auf: Über 11.000 Kinder hätten allein in diesem Jahr keinen Platz in einer Gesamtschule erhalten. Immer mehr Eltern würden erkennen, welche Chancen das längere gemeinsame Lernen ihren Kindern biete. Die Landtagsabgeordnete aus Lippstadt betonte, dass die Erfolgsquote beeindruckend sei: „2/3 aller Abiturienten an den Gesamtschulen haben keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten. Und diese Schüler haben durch das eingeführte Zentralabitur die gleichen Prüfungen bestanden, wie ihre Mitschüler an den klassischen Gymnasien.“ Dies zeige auch, dass über den Bildungsweg zu früh entschieden werde: „Wir gucken nur, was das Kind nicht kann“, so Stotz. Dabei seien bis zu 40 Prozent der Prognosen falsch. Der Druck in den Grundschulen sei enorm und habe sich gerade durch die fünf Jahre schwarz-gelber Politik noch spürbar verschärft.

Schulen für Kinder – nicht umgekehrt

Dass es beim Thema Gemeinschaftsschule noch erheblichen Informationsbedarf gibt, zeigten auch Einwände aus dem Publikum, die in der Schulform einen Zwang zum Abitur vermuteten. Dieser Einschätzung widersprachen die Experten vehement. Es gehe vielmehr darum, ein wohnortnahes Bildungsangebot zu schaffen, welches sich den Kindern anpasst und nicht – wie bislang – umgekehrt. In diesem Zusammenhang stellte Dr. Ernst Rösner auch klar, dass die Quote der „Sitzenbleiber“ in Gesamtschulen deutlich niedriger sei, als beim klassischen dreigliedrigen System.

Bildungsangebot als Standortfaktor

Dr. Rösner mahnte auch, wie wichtig ein attraktives Schulangebot für junge Familien bei der Auswahl ihres Wohnorts sei: „Ist das nicht vorhanden, fällt die Wahl auf den Nachbarort. Das Bildungsangebot ist längst zu einem harten Standortfaktor geworden.“ Und dazu gehöre heutzutage auch eine gymnasiale Oberstufe. Es reiche nicht mehr aus, wenn ein Bürgermeister lediglich auf eine gute Busanbindung zum Gymnasium im Nachbarort verweisen könne. Der Schulexperte stellte auch klar, dass dabei für ihn Gemeinschaftsschulen die erste Wahl seien: „Die Verbundschule bringt uns da in keiner Weise weiter. Hier sind interkommunale Lösungen gefragt.“ Allerdings sei auch hier klar, dass man niemanden etwas aufzwingen solle, sondern Gemeinden, Eltern und Schüler von sich aus aktiv werden müssten.

Hauptschulen am Ende, Probleme für Realschulen

Auch die Sorge eines Schmallenberger Schulleiters, der gigantische Schulen mit mehr als 1500 Schülern befürchtete, konnten die Experten widerlegen. Die Konzepte sehen deutlich kleinere und nicht größere Schulen vor. Rösner widersprach auch der Behauptung, dass es in Gemeinden, die alle drei weiterführenden Schulen anbieten können, keine Probleme gebe. „Die Hauptschule ist ein Auslaufmodell. Dadurch geraten auch die Realschulen zunehmend in Schwierigkeiten, die weiter Schüler ans Gymnasium verlieren, aber immer weniger Nachrücker aus den Hauptschulen verzeichnen“, so der Schulexperte aus Dortmund. Das zeichne sich auch in Meschede ab: So hätten die Hauptschulen in Meschede 21 Prozent, die Realschulen 20 Prozent, die Gymnasien aber lediglich 5 Prozent ihrer Schüler verloren.

Schulstandort Meschede

Gisela Bartsch zeigte sich als zuständige Fachbereichsleiterin der Stadt Meschede dennoch überzeugt davon, dass die Kreisstadt auf die Folgen des demografischen Wandels gut vorbereitet sei. Das Thema Bildung habe im Rat oberste Priorität – dies zeige auch das Beispiel der sich im Bau befindlichen neuen Grundschule. Bartsch erläuterte, dass derzeit rund 4.500 Kinder die Schulen im Stadtgebiet besuchen und sich die prognostizierten Schülerzahlen mit den tatsächlichen Anmeldungen weitestgehend decken würden.

Beste Bildungschancen für alle

Sowohl die Schulministerin Sylvia Löhrmann als auch die Landtagsabgeordnete Marlies Stotz machten zum Ende der Veranstaltung noch einmal klar, wie wichtig es sei, jedem Kind die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. „Hoffnungslose Fälle“ könne man sich nicht leisten. Gerade für den ländlichen Raum sei da das Konzept der Gemeinschaftsschulen überzeugend. Aber man wolle niemanden etwas aufzwingen, letztlich zähle für die rot-grüne Landesregierung der Elternwille. Einen Weg, den auch Dr. Ernst Rösner unterstützt, der sich dafür aussprach, dass die Gemeinden faire und anonyme Elternbefragungen durchführen sollten.

Trotz des heiklen und ideologisch belasteten Themas Bildung, gelang es dem Moderator und Vorsitzenden der HSK-SPD, Dr. Karsten Rudolph, schnell einen Zugang zum bunt gemischten Publikum zu finden und sorgte für einen kurzweiligen Abend.

Einen Musterfragebogen für Eltern zur Feststellung des Bedarfs für eine Gemeinschaftsschule finden Sie hier (PDF).

Weitere Bilder von der Veranstaltung finden Sie hier.

29. Mai 2011 – 10:43 Uhr Ortsverein Meschede
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